Es war einmal vor nicht langer Zeit

 

 

Erzählt von Dirk Stahlmann SY FRADILIRA

Es war einmal vor gar nicht langer Zeit da saß ein deutscher Barfußsegler an Bord seines Schiffchens, das friedlich in einer blauen Lagune auf der Südhalbkugel unseres schönen Planeten vor Anker lag. Er drehte an den Knöpfen seines Funkgerätes, während die Schweißtropfen unter den Schalen seines altmodischen Kopfhörers - eines besseren Ohrenwärmers - hervorliefen. Was suchte er denn? Natürlich deutsche Töne, und er ward auch bald fündig. Allerdings waren diese deutschen Töne von der Sorte Miß. Denn ein Streit war im Gange. Brach doch DL-sowieso in das QSO ein, das DL-sowie mit einer MM-Station fuhr dazwischen und verbot dessen Fortsetzung. Das ist ein Pirat, sein mittelamerikanisches Rufzeichen falsch. Oh, wie flogen da die Fetzen. Dem Barfußsegler wurde ganz schlecht, denn er fühlte sich gleich mehrfach betroffen. Einmal, weil er auch Deutscher ist und sich für kultiviert und offenherzig hält, zweitens, weil er ebenfalls ein mittelamerikanisches Rufzeichen hat, und drittens, weil er weiß, daß die Rufzeichen für England, USA, DL und andere Länder mit hoch entwickelten Verwaltungen zwar meistens stimmen, daß aber sonst die Rufzeichenlisten nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Der Streit schlug ihm nun auf den Magen, das QRM und die Hitze auf die Ohren, da schaltete er ab und verfiel ins Nachdenken....

Damals vor mehr als dreißig Jahren, da hätte ich mir doch nicht träumen lassen - so denkt er - daß dieses Papier mit meiner Lizenz und dem Rufzeichen mal die Welt bedeuten könnte.
Er erinnert sich, wie er als junger Weltenbummler (seinerzeit waren so gut wie keine deutschen Touristen unterwegs), nur mit einem alten Wehrmachtstornister und seiner Ingenieurausbildung ausgerüstet, Neugierde im Herzen und wenigen spanischen Sprachbrocken im Mund in diesem kleinen mittelamerikanischen Land auf einen ausgewanderten Landsmann traf.
Wo kommst Du her?
Wo willst Du hin?
-man kennt das ja - Komm erst mal mit zu mir.
Also, den Berg hoch - Da das Haus mit dem Mast, da wohn' ich. Drinnen sieht's aus wie bei vielen alleinlebenden älteren Männern oder auch bei Einhandseglern. Ein Chaos der einzige Tisch - ein großer - erinnert unsren Weltenbummler an die Labortische im elektrotechnischen Praktikum: Drahtverhau mit Bau-teilestreusel. In der Ecke steht ein gigantischer alter Armeesender mit japanischer Beschriftung - amerikanische Kriegsbeute aus dem Pazifik. Ja siehst Du, Junge, ich bau' mir einen modernen Sender, und das ist das ganze Zeug, das mit der Bauanleitung aus USA gekommen ist. Aber Probleme, sag ich Dir ... verstehst Du was davon? Na ja, zumindest löten kann unser Weltenbummler besser als der schon etwas tatterige Gastgeber. Berufs- und Amateurfunker war der Zeit seines langen Lebens und arbeitete immer noch als nachrichtentechnischer Berater für die Regierung des kleinen Ländchens.


 

In den folgenden Wochen wird viel gelötet und probiert, dieweil der Funkopa seine QSOs noch auf der alten Maschine fährt. Damals lebenswichtig in diesen Ländern mit entlegenen Farmen ohne Telefon-system. Aber diese Situation gibt es ja auch heute noch, nicht zuletzt auf See für die vielen Barfußsegler ohne das Geld oder den Platz für eine Satellitenanlage. Jedenfalls lernt unser Weltenbummler so ganz nebenbei eine Menge über Verkehrsabwicklung und die ganze tägliche Praxis. Wenn's schwierig wird im Äther, wird auch noch fleißig gemorst. Informations-redundanz nennt der Funkopa das, und kein Medikament wird ohne Morsebestätigung besorgt und auf den langen Weg gebracht.

Wenn Opas schwache Blase mal ihr Recht fordert, springt der junge Spund schon mal ein und fährt ein dringendes QSO. Junge, das darfst Du eigentlich nicht, aber nett von Dir, daß Du es trotzdem erledigt hast. Du brauchst eine Lizenz, und die kriegst Du jetzt auch. So eine Privatausbildung könntest Du in Deutschland kaum bekommen.

Nach ein paar weiteren Wochen erinnert sich OPA (so nannte ihn jeder auch an der Funke) der Lizenz und auf ging's zum "Funktechnischen Zentralamt": Bretterbude 1. Stock, zweites offenes Loch rechts. Niemand da. Macht nichts. Daß die Lizenzformulare haben, weiß ich, denn ich mach' ja selber die Prüfungen, wenn einer unbedingt so ein Papier haben will.
Mal sehn, ob ich die finde. Opa sucht und findet nicht. Er flucht etwas wie "indische Ablage", was auf deutsch etwa heißt: Leitzordner unbekannt, Schlamperei. Der Welten-bummler denkt sehnsüchtig an seine Heimat und das deutsche Wesen, an dem die Welt genesen sollte.

Da kommt endlich ein ebenso betagter Bursche wie Opa, hilft und findet. Ausfüllen, Rufzeichen einsetzen: zum Teufel, wo ist denn die Liste mit den Rufzeichen? Ja, die geht immer verloren, da fangen wir eben eine neue an, so ungefähr weiß ich ja, was wir schon hatten, kenne die Jungs fast alle. Fertig, jetzt noch schnell zum "Chefe" für die Unterschrift. Der "Chefe" ist der stellvertretende Postminister oder so was und kann wunderschön unterschreiben, ein wahres Ornament. Zettel mit Ornament verschwindet respektlos im Wehrmachtstornister und ward nicht mehr gesehen. Jahrzehnte später merkt unser Barfußsegler und schon wieder Weltenbummler, daß er ohne Zettel ein Aussätziger ist und schreibt mit der Bitte um eine Abschrift seiner Amateurfunklizenz. Er kennt das kleine mittelamerikanische Land, erinnert sich der "indischen Akten-ablage" und fragt sich auch, ob man dort inzwischen am deutschen Wesen genesen sei und stellt sich auf längeres Warten ein.

Und wenn er nicht bald stirbt, wird er noch lange warten und ein böser Amateurfunker sein, zumindest für DL-sowieso.

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